Begegnungen des Alltags
Das Leben bringt es so mit sich, dass wir immer
neue Menschen treffen. Im Freundeskreis, Beruf,
Nachbarschaft, Schule, Kindergarten - die Palette
ist groß. So manches mal entwickelt sich sogar
im Supermarkt oder in Wartezimmern ein
Gespräch. Oft bleibt es bei einer einzigen
Begegnung, bei einem kurzen oder auch
ausführlicheren Gedankenaustausch über
die Trivialitäten des Alltags. Wenn sich die
Wege trennen, schlüpft jeder wieder in seine
eigene Welt. Auf meinem Weg habe ich die unverbindliche Leichtigkeit dieser Begegnungen
des Alltags verloren. Sie ist irgendwo auf der
Strecke geblieben, weil ich die harmlose Frage
fürchte, die früher oder später gestellt wird:
"Wieviele Kinder haben Sie denn?"
Ich habe versucht, mir eine pauschale Antwort
zurecht zu legen, doch im entscheidenden Moment
scheint immer wieder eine "verbale"
Parese" das Zepter zu übernehmen.
Ich habe vier wunderbare Töchter und allein diese
Tatsache führt regelmäßig dazu, dass mein
Gegenüber die Augen aufreißt, die Stirn in
Falten legt und ein "Oh, tatsächlich!?" zum
Besten gibt. Einmal an diesem Punkt ange-
kommen folgt unweigerlich die Frage nach
dem Alter, nach den Namen und ob es denn
oft Streit unter den Mädchen gibt. Sobald ich
erzähle, dass Adriana jetzt soundso alt wäre,
teilt sich die Menschheit in zwei Gruppen auf.
Die einen wechseln hastig das Thema und die
anderen stellen eine Flut von Fragen.
Hier sei noch einmal anzumerken, dass es
sich um zweifelsohne freundliche, aber
fremde Personen handelt.
Ich empfinde es als unpassend, diesen
Zufallsbegegnungen unsere komplette Geschichte
zu erzählen. Um mich gar nicht erst in eine solche
Situation zu bringen, antworte ich manchmal
ich hätte drei Töchter. Dabei bleibt mir das Wort
"drei" beinahe im Hals stecken und ich fühle mich
für einen Moment, als leugnete ich eines meiner
Kinder. Wie ich mich auch entscheide - meistens
führt es dazu, dass ich im Nachhinein wünschte ich
hätte die jeweils andere Antwort gegeben.
Es steht den Menschen nicht auf der Stirn
geschrieben, was sie auf ihrem Weg erlebt haben.
Niemand wird gefragt, ob er eine Last tragen kann.
Manchmal beobachte ich die Menschen und frage
mich, wie die Welt wohl aussähe, könnte man
in der Seele eines Menschen lesen wie in einem
Buch. Vielleicht gäbe es dann
weniger Verurteilung und mehr Verständnis
weniger Forderung und mehr Entgegenkommen
weniger Erwartung und mehr Toleranz.
Sabine
LebensWert
Wenn ein Kind stirbt, wird der uralte Lauf des Lebens
auf den Kopf gestellt. Das Weltbild rückt in eine
Schieflage. Eltern sollten nicht ihre Kinder beerdigen,
Geschwister sollten mit ihren Geschwistern
spielen, und nicht kleine Geschenke für den
Friedhof basteln.
Die Reaktionen sind zunächst sehr ähnlich -
ehrliche Bestürzung und Erschütterung stellen
sich ein. Irgendwie schwingt ein leises
"Das-darf-doch-nicht-sein" zwischen den Worten,
ganz so, als ob die Realität sich jeden Moment als
Irrtum entpuppt, wenn man sie nur vehement
genug anzweifelt. Obwohl ich im Zentrum
des Geschehens stand, ist es mir nicht anders
ergangen. Ich habe noch Tage nach Adrianas Tod
im Internet nach Informationen gesucht, wie
man den schicksalhaften postoperativen
Verlauf verhindern könnte. Es hat gedauert,
bis ich in der Lage war zu begreifen, dass
es keinen Weg zurück gab.
Auf die Frage nach dem wie und warum erkläre
ich, dass Adriana an den Folgen einer einfachen
Routineoperation starb. Meistens wird die
Bestürzung noch größer - immerhin ist jetzt das
Tor für Schuldzuweisungen offen. Irgendwer
wird nicht aufgepaßt haben. Als ob es in mensch-
licher Macht läge, die Lebensuhr eines jeden
ad libitum zu beeinflußen.
Die Mienen ändern sich schlagartig, wenn "heraus-
kommt", dass Adriana behindert war. Die Be-
stürzung macht einer gewissen Erleichterung Platz.
"Ach so!"
"Dann war es ja nicht so schlimm."
"Für das Kind ist es besser so."
Früher haben mich derartige Bemerkungen aus der
Bahn geworfen. Heute weiß ich, dass viele
Menschen es einfach nicht besser wissen und
so etwas niemals sagen würden,
gingen sie nur ein kurzes Stück des Weges
in meinen Schuhen.
Sabine
Wunsch und Wirklichkeit
In meinem "früheren" Leben saß ich auf der Insel
einer Ahnungslosen. Mein Leben hatte ich mir
recht präzise vorgestellt und reichlich Pläne gemacht.
Die Welt betrachtete ich als formbare Materie.
Selbstredend stellte ich mir vor, wenn ich nur hart
genug dafür arbeitete würden sich meine Wünsche
und Vorstellungen wie selbstverständlich erfüllen.
Die schlimmen Dinge, von denen ich immer mal
wieder hörte, passierten nur den anderen und paßten
nicht in meine Lebensplanung. Nachdem wir zwei
gesunde Kinder hatten und dies für uns auch völlig
selbstverständlich war, wäre es uns niemals in den
Sinn gekommen, dass wir beide Träger eines
schwerwiegenden Gendefektes sind.
Niemand weiß nach welchen Regeln das
Schicksal entscheidet. Adrianas Tod hat mir eine
der tragenden Säulen des Seins genommen
- das Urvertrauen.
"Was der Mensch auch gewinnt,
er muß es teuer bezahlen,
wäre es auch nur mit der Furcht,
ob er´s nicht wieder verliert".
Christian Friedrich Hebbel
Die Momente im Krankenhaus
werden mein ewiger Begleiter sein - solange ich
lebe wird mich die Fassungslosikeit und die mit
Worten nicht zu beschreibende Hilflosigkeit dieser
Augenblicke begleiten. Es gab nichts was ich
hätte tun können. Dieser absolute Kontrollverlust
hat mich viele Jahre traumatisiert und auch heute
noch muß ich mit dem Verstand die Ängste im
Zaum halten. Es wird nur sehr langsam einfacher.
Die Ängste sind nicht rational, dennoch sind sie
gegenwärtig und verlangen permanente Arbeit
an mir selbst. Früher brach mir der Schweiß aus,
wenn ich in ein Parkhaus fuhr. Ich stellte mir vor,
dass Parkhaus würde über mir zusammenbrechen
und wenn ich nicht auf der Stelle tot wäre, würde
ich vielleicht tagelang unter den Trümmern liegen.
Wenn ich in´s Kino gehe sitze ich noch heute ganz
am Rand - möglichst nahe an den Notausgängen.
Es hat mich sehr viel Kraft gekostet meine Kinder
im Zuge des Älterwerdens mit dem Fahrrad zur
Schule fahren zu lassen. Wenn ich irgendwo die
Sirene eines Krankenwagens höre erscheinen
vor meinem inneren Auge Trugbilder der Angst, es
könnte eines meiner Kinder um sein Leben
kämpfen. Diese Aufzählung könnte ich noch endlos
weiterführen. Mit der Geburt unserer jüngsten
Tochter ist ein Stück des Urvertrauens zurückge-
kehrt. Ich habe gelernt die Verlustängste anzu-
nehmen, ohne mich von ihnen überwältigen zu
lassen. Ich habe gelernt, das Leben mit all
seinen Facetten nicht mehr als Selbstverständ-
lichkeit hinzunehmen, sondern mit offeneren
Augen die kleinen und großen Wunder zu sehen.
Sabine
Motiv einer Gedenkseite
Nachdem ich mehrfach gefragt wurde, warum
ich denn eine Gedenkseite für mein totes Kind
habe, versuche ich zu ergründen, weshalb mir
diese Frage überhaupt gestellt wird.
Ich denke an die ungezählten Homepages
auf denen Kinder präsentiert werden, die
mit Leidenschaft Fußball spielen, Reitunterricht
nehmen, im Chor singen, Fahrrad fahren,
Geige spielen, bei "Jugend forscht"
teilnehmen, einen Bastelwettbewerb
gewonnen haben, Meerschweinchen
züchten.......usw. usw. usw.
Ob hier wohl auch nach dem
warum gefragt wird?
Wie steht es um das Harmoniebedürfnis
derer, die augenscheinlich nur die
Schokolandenseite des Lebens veröffentlicht
sehen wollen? Gehören Behinderung und Tod
nicht auch zum Leben?
Was meine Augen nicht sehen und
meine Ohren nicht hören kann ich
ganz leicht weit weg schieben.
Oder kann ich es einfach nicht ertragen,
weil mir dann plötzlich bewußt wird,
wie unbedeutend und klein oft ist,
was ich lautstark und ausdauernd zu
unüberwindbaren Problemen und
Ärgernissen aufplustere?
"Stell Dir mal vor, Frau XY hat mich gesehen
und trotzdem nicht gegrüßt!"
"Hach, gestern Nacht ist Klaus-Konrad
wachgeworden und ich mußte zweimal
aufstehen und ihn beruhigen!"
"Gestern im Supermarkt waren nur
3 Kassen besetzt und ich mußte
10 Minuten warten!"
"Schon seit einer Woche suche ich eine
neue Bluse, aber in den Geschäften gibt
es einfach nichts zu kaufen!"
"Jetzt kommt der Sommer und ich
muß dringend 5,34 kg abnehmen!"
Es liegt mir vollkommen fern die
Probleme anderer Menschen abzuwerten.
Jeder von uns hat sein Päckchen zu
tragen. Dennoch spüre ich sehr genau, ob
hinter einer Frage ehrliches Interesse steht, oder
aber der in einer Frage versteckte Hinweis,
dass man eine Homepage
für ein totes Kind völlig überflüssig findet.
Interessanterweise haben mich noch nie
Eltern nach dem warum gefragt, die ebenfalls
ein Kind verloren haben.
Warum also habe ich eine
Gedenkseite für Adriana?
Weil sie es wert ist, einen Platz
unter den Lebenden zu haben.
Weil ich es möchte.
Weil ich hier teilen kann, was sie
mich gelehrt hat.
Weil sie andere inspiriert und
Gedanken zuläßt, die oft vergraben sind.
Weil ihre Geschichte unsere Geschichte
ist und wir mit allen Sinnen leben.
Weil ihre Schwestern hier einen Platz
haben, den sie zu jeder Zeit von überall
auf der Welt besuchen können.
Weil die Beschäftigung mit dieser Seite
wie eine vom Leben selbst verordnete
Therapie ist.
Weil ich dadurch immer wieder
reflektiere und lerne.
Weil die ganze Welt wissen soll, das wir
- die verwaisten Eltern und Eltern besonderer
Kinder nicht mehr in die gewohnten
Schubladen passen.
Weil ich mir wünsche, dass
Adrianas Licht für immer leuchtet.
Und wenn ich die wunderbaren Gästbuch-
einträge und Zuschriften betrachte, dann
geht mir das Herz auf und ich weiß,
dass es gut und richtig ist.
Sabine
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