Im Jahr 1998 verbrachten wir mit Adriana
ihren ersten und einzigen Sommer.
Niemals wieder, weder vorher noch nachher,
ist es ihr je wieder so gut gegangen.
Ab September veränderte sich
ihr Gesundheitszustand und es ging
von Woche zu Woche schlechter. Ich verbrachte
unendlich viel Zeit bei Ärzten und in Krankenhäusern
und es folgten immer neue belastende
Diagnosen. Nichts davon war lebensbedrohlich,
dennoch wären mehrere Operationen auf uns zukommen.
Es blieb kaum Luft die medizinischen
Probleme zu verarbeiten, denn auch auf
menschlicher Ebene durchlebte ich die
Apokalypse. Zunehmend kam mir die
Erkenntnis, dass Adriana für viele Menschen
- auch Ärzte - nicht mehr als ein bedauerns-
wertes Kind war, bei dem es sorgfältiger
Überlegungen bedurfte, ob sich potentielle
Behandlungen überhaupt lohnen.
"Am besten Sie bringen das Kind unter..."
"Bei einem gesunden Kind würde man
hier sicher behandeln, aber bei Ihrem..."
"So ein krankes Kind ist ja eine Strafe."
"Zum Glück habt ihr ja noch zwei
gesunde Kinder."
"Ihr tut uns echt leid"
"Das ist doch Quälerei..."
Ich wußte nicht wohin mit meinen Gefühlen.
Wer würde mich verstehen?
Papier!
Also schrieb ich mir von der Seele,
was ich niemandem erklären konnte,
denn es schien als spräche ich eine andere
Sprache als der Rest der Welt.
Und mein Ventil war
das geschriebene Wort.
Manchmal sind es die kleinsten Füße,
die die größten Spuren hinterlassen.
Im Oktober 1998
Für meine Tochter Adriana
Die Sinuskurve
Das Leben ist ein Pfad - durch Berge und Täler, über
rauhe Ozeane und Seen, deren Oberfläche so ruhig
glatt ist, dass sich darin nicht nur das Antlitz
spiegelt. Dann und wann erreichen wir einen
Punkt an dem wir glauben unsere Seele gäbe
einen Teil ihres Geheimnisses preis. Diese
Momente sind kostbar, wenngleich auch
erschreckend. Denn nicht alles, was wir zu sehen
glauben, halten wir für wünschenswert.
Auf unserer Reise begegnen uns viele Menschen.
Manch einer stöhnt unter der Last seines
Gepäcks, der nächste tritt in einen Wettlauf mit
der Zeit, nicht ahnend, dass er nicht gewinnen kann.
Denn der Weg ist das Ziel, die Kunst auf diesem
Weg nicht stehen zu bleiben oder gar zurück zu
laufen. Der Weg der Erkenntnis ist mit vielen
Irrtümern gepflastert, aber wenn wir unser Sein
als Sinuskurve betrachten, können wir unsere
Angst und unseren Schmerz leichter ertragen.
Denn wir haben die Gewißheit, dass unser Weg
einem stetigen Wandel, einen Auf und Ab unter-
liegt. Es liegt allein im Auge des Betrachters.
Viele Menschen prägen uns, wenngleich es an uns ist,
den Garten in unseren Herzen zu gestalten.
Diese Aufgabe können wir nicht abtreten,
wir können nicht andere dafür verantwortlich machen,
was in unserem Garten wächst - und was nicht.
Ich habe ein Bäumchen gepflanzt. Zart und hilflos
steht es auf winzigen Wurzeln. Jeder Windhauch
scheint es zu verletzen, ein Sturm würde es
einfach mit sich reißen. Vielleicht wird es
niemals groß und majestätisch nach den Sternen
greifen, vielleicht wird es niemals Früchte tragen.
Denn dieses Bäumchen ist nicht so wie die
anderen in meinem Garten.
Auch ich bin hilflos und suche Halt. Doch zu oft
höre ich, mein Bäumchen wird nicht leben.
Es wird nicht blühen, vielleicht verkümmern.
Langsam verstehe ich, dass mein Bäumchen
für die anderen zu anders ist.
Warum. Ich verstehe nicht warum.
Sind wir nicht alle anders? Kein Mensch gleicht
dem anderen, ein jeder von uns ist einzigartig.
Welcher Art ist eure Berufung, die euch erlaubt
eine Auswahl zu treffen? Ihr glaubt zu wissen,
dass mein Bäumchen nicht zu den anderen
gehört, dabei wohnt die Weisheit genauso wenig
in euren Herzen wie die Achtung vor dem Leben.
Ich widerspreche euch: mein Bäumchen ist kostbar!
Euch allein fehlt die Gabe es zu sehen. Ich aber
liebe es mit jeder Faser meines Daseins und ehre
seinen Platz in meinem Garten.
Mein Bäumchen hat vollbracht, wozu niemand vorher
imstande war. Beizeiten läßt euch die Müdigkeit
nur mehr ohnmächtig wanken und die Flut eurer
Tränen beschert euch die Illusion eines Kaleidoskops.
Wie schmerzhaft ist der Weg. Und unbekannt was
euch erwartet. Jedoch ändert ihr nicht, was ist,
nur weil ihr die Augen verschließt.
Wenn ihr es geschafft habt gleicht ihr einem
Feuerwerk. Kraft, Dankbarkeit und grenzenlose
Liebe erfüllen euch in nie gekannter Dimension.
Für den Augenblick eines Wimpernschlags nur!
Und doch geht ihr denselben Weg immer wieder.
Jeden Tag aufs Neue.
Dieses kleine Geschöpf hat Dinge vollbracht, die fern
eurer Vorstellungskraft liegen. Nie zuvor bin ich den
Grenzen des Erträglichen so oft so nahe gekommen.
Nie zuvor habe ich unendliche Abgründe gespürt, das Verlangen endlich unten anzukommen.
Und niemals zuvor hat die Ambivalenz meiner Gefühle
mich erschauern lassen unter einer grenzenlosen
Furcht. Und dennoch - mein Bäumchen hat mich
mehr über das Leben gelehrt, als ich zu lernen
bereit war. Es hat mir Türen geöffnet, die ich nicht
einmal zu sehen vermochte. Es hat mir einen
winzigen Teil des Universums eröffnet
- und mein
Bewußtsein für immer verändert.
In Liebe,
Deine Mama
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